E035: Wege der Digitalisierung – Warum eigentlich? – Nils Löwe (Lionizers)

Vor fast 1 ½ Jahren habe ich das erste Interview für diesen Podcast aufgenommen. Die Frage dahinter lautete „Was ist Digitalisierung?“. Im Sommer hat mich Rike schon einmal interviewt und ich habe meinen damaligen Versuch einer Antwort gegeben. Inzwischen habe ich mehrere Vorträge über meine Erkenntnisse aus dem Podcast gehalten und sehr viele spannende Leute kennengelernt. Und beim letzten Interview ist etwas passiert, was mich zu einer erneuten Solo-Episode veranlasst hat. Aber um das zu erklären, muss ich ein wenig früher ansetzen.

Vor ungefähr zwei Jahren haben Rike und ich die Lionizers gegründet. Ich war zu dem Zeitpunkt Freelancer und Rike wollte aus der Elternzeit unseres ersten Kindes in den Job als Softwareentwicklerin zurückkehren. Irgendwie ist flexibles Arbeiten in Teilzeit mit einem kleinen Kind in dieser heutigen Arbeitswelt noch immer nicht so einfach wie man sich das wünschen würde, und so haben wir Rikes Start in eine eigene Freelancer-Karriere geplant. Und während wir Stück für Stück feststellten, dass wir eigentlich nur meinen eigenen Weg kopieren würden, haben wir dann den Plan mit den Lionizers gefasst. Wir haben beide Erfahrung mit Softwareentwicklung, sind gut organisiert und strukturiert, gut vernetzt und wollen tolle Produkte entwickeln. Wir können gut mit Nicht-Techies reden und sind gern unter Menschen. Warum also nicht gemeinsam unsere eigene Software-Schmiede gründen und gemeinsam tolle Produkte entwickeln?

So ging es dann auch los. Vom ersten Tag an hatten wir Mohamad als Mitarbeiter der ersten Stunde dabei. Durch seine früheren Erfahrungen beim Fernsehen kann er glücklicherweise auch Podcasts schneiden, daher ist auch Mohamad bis heute an jeder Folge dieses Podcasts beteiligt. Wir haben die ersten Projekte bekommen und umgesetzt, ein tolles Büro in Harburg mit zwei Wach-Löwen vor der Tür gemietet und sind seitdem stetig gewachsen. Heute sind wir sechs Leute und bauen tolle Produkte für tolle Kunden aus dem Hamburger Mittelstand.

Aber zurück zur Digitalisierung. Relativ früh in dieser Zeit habe ich den inflationären Gebrauch des Begriffs Digitalisierung wahrgenommen. Vorher war ich als Software-Freelancer eher in den Entwicklungsabteilungen unterwegs, da habe ich das nicht so bewusst mitgenommen. Aber seit ich regelmäßig mit Unternehmern und Entscheidern Mittag esse und Kaffee trinke, vergeht seitdem kein Termin, ohne dass diese Digitalisierung wie ein Schatten hinter allem steht. Und daraufhin habe ich einfach versucht herauszufinden, was diese Digitalisierung denn nun eigentlich ist.

Ich bin also in die Welt gezogen und habe Interviews mit ganz vielen tollen Leuten geführt, um das herauszufinden. Und ich habe viele Antworten bekommen. Ich habe unheimlich viel gelernt und durch den Podcast habe ich dieses Wissen auch für andere verfügbar gemacht.

Aber im letzten Interview habe ich von Claudia eine Antwort bekommen, die meine Frage hinterfragt hat. Ich glaube, Claudia hat gar nicht gemerkt was dieses Gespräch für mich bedeutet, da für sie dieses Wissen einfach Grundlage ihrer Arbeit ist. Aber für mich hat sich die Frage hinter diesem Podcast verändert. Auf die Frage „Was ist Digitalisierung“ habe ich in 34 Interviews mindestens 34 gute Antworten gefunden. Klar, es gibt Muster und wiederkehrende Teile in den Antworten. Aber ich habe in 1 ½ Jahren nicht gefragt, warum denn alle über Digitalisierung reden!

Warum ist diese Digitalisierung denn eigentlich wichtig für uns?

Auf die Gefahr hin, dass niemand den Rest der Episode hört, wenn ich die Antwort jetzt und hier gebe, verrate ich sie trotzdem schon mal. Der ganze Sinn und Zweck dieser Digitalisierung ist es, schnell genug auf Veränderungen reagieren zu können. Nicht mehr und nicht weniger.

Das Thema Veränderung kam in vielen Interviews teils am Rande, teils sehr zentral auf. Im Gespräch mit Felix Menden von „Wer liefert Was?“ haben wir gelernt, wie das Unternehmen mehrere Phasen der Digitalisierung durchlaufen hat und was dabei jeweils innerhalb und außerhalb der Firma passiert ist.

Am Beispiel von „Wer liefert Was?“ sieht man sehr gut, auf wie vielen Ebenen die Veränderung stattfindet. Aus einem Maschinenpark voller Druckmaschinen wird eine Server-Farm, auf der eine Plattform betrieben wird. Aus ausgebildeten Druckern werden Manager für Google-Werbung. Eine Entwicklungsabteilung entsteht, wo früher Redakteure arbeiteten. Neben der Veränderung von Anlagen und Job-Titeln verändert sich auch das Geschäftsmodell. Ein weiteres gutes Beispiel dazu habe ich mit Nikolaus Förster vom impulse-Magazin besprochen, seine Geschichte ist ähnlich spannend.

Ebenfalls in einem der ersten Interviews habe ich mit Christiane Brandes-Visbek darüber gesprochen, wie sich die Menschen denn mit diesen Veränderungen arrangieren. Es gibt ja immer die Leute, die eine neue Chance sehen und glücklich darauf zu laufen und es gibt die Leute, die Veränderungen so lange vermeiden, wie es irgendwie möglich ist. Hier kam zum ersten Mal zur Sprache, welche neuen Anforderungen diese schnell-lebigere Welt an Führungskräfte heute stellt.

In meinem allerersten Interview mit Christopher Nigischer habe ich gelernt, wie sich der Recruiting-Prozess in seinem Unternehmen verändert hat und welche Herausforderungen die neuen vielfältigen Kommunikationskanäle an einen organisierten Tagesablauf stellen. Das ganze Thema Recruiting habe ich vor kurzem im Interview mit Verena Traub nochmal tiefer beleuchtet und dabei erfahren, wie sehr sich der ganze Arbeitsmarkt von einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmer-Markt entwickelt hat.

Praktische Hinweise und wirklich gute Beispiele zu einer Führung im digitalen Zeitalter habe ich zum Beispiel von Gabriel Rath bekommen, der den digitalen Wandel bei der OPSA begleitet. Rike hat in ihrem Interview mit Isabelle Pfister ebenfalls viele gute Antworten zu diesen Fragen bekommen.

Und dann gab es spannende Gespräche mit Petra Wille, Tim Schurig und Axel Tetzlaff, die sich alle in der einen oder anderen Weise mit der Entwicklung von Produkten befasst haben. Petra aus der Sicht einer Produktmanagerin und Tim und Axel jeweils als Geschäftsführer von mindmatters und fourtytools – also Firmen, die wie wir Lionizers Software entwickeln.

Wir haben das Thema „Führung“ als wiederkehrendes Element in fast allen Gesprächen angetroffen. Die Produkte verändern sich, die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern wird immer schwieriger und als Unternehmen muss ich immer mehr leisten, um die Leute dann auch noch zu halten und zu motivieren. Mit Robert Wiechmann habe ich z.B. über den Sinn und Zweck von Werten gesprochen und dass Werte heute kein schmückendes Beiwerk mehr sein können.

Vor dem Hintergrund meiner neuen Fragestellung sehe ich alle diese Themen jetzt in einem ganz neuen Licht. Irgendwie werden alle diese Themen im Kontext der Digitalisierung genannt, aber eigentlich ist die Digitalisierung nicht Auslöser oder Ursache der aktuellen Herausforderungen. Ich sehe die Digitalisierung hier eher als Symptome.

In meinem Gespräch mit Ulrich Sucker kommt heraus, dass die Veränderung schon immer da war, dass sie heute nur schneller voranschreitet als je zuvor. Dazu habe ich viele Bücher gelesen, die das sehr gut beschreiben. Klaus Schwab schreibt über die vierte industrielle Revolution, Andrew McAffee und Eric Brynjolfson schreiben über das zweite Maschinenzeitalter und Alec Ross schreibt über die Industrien der Zukunft.

Uli erzählt im Interview, dass er schon vor Jahrzehnten an Videokonferenzsystemen gearbeitet hat, die das konnten, was heute Skype, Hangouts und Whatsapp tun. Nur die Skalierung war eine andere. In den Büchern über Plattformen wird erzählt, dass das Plattform-Modell schon so alt ist wie unsere Wirtschaft. Auch die Marktplätze im alten Ägypten oder Shopping Malls aus den 50ern sind Plattformen. Und unser Telefon-Netz hatte das gleiche Henne-Ei-Problem wie jedes Plattform-Startup heute.

Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zwischen den Plattformen von damals und heute. Das Telefon hat 75 Jahre gebraucht um 50 Millionen Nutzer zu erreichen. Das  Radio 38 Jahre. Der Fernsehen 14 Jahre. Facebook 2 Jahre und Twitter 35 Tage.

Und für mich schließt sich hier der Bogen zur Frage, warum Digitalisierung ein Thema ist. Die Geschwindigkeit der Veränderung steigt exponentiell. Wir Menschen haben tausende, wenn nicht Millionen von Jahren in einer linearen Welt gelebt. Unser Gehirn und unsere ganze Wahrnehmung sind nicht darauf ausgelegt, in einer exponentiellen Welt zu leben. Wenn der Sprung auf eine flächendeckende Verbreitung des Telefons 75 Jahre braucht und Twitter 35 Tage, dann lässt sich dieser Unterschied kaum greifen.

Ich würde an dieser Stelle noch zwei wichtige Dinge trennen. Es gab schon immer technischen Fortschritt. Das wird z.B. in dem Buch „Die vierte technische Revolution“ gut beschrieben. Von der Dampfmaschine mit den ersten mechanischen Maschinen (Industrie 1.0) über das Fließband und elektrische Energie (Industrie 2.0) haben wir die Automatisierung und damit die dritte industrielle Revolution erlebt. Der Sprung von 1.0 auf 2.0 hatte z.B. zur Folge, dass Fabriken jetzt eher einstöckig und in die Fläche ausgedehnt wurden. Wo es vorher eine zentrale Dampfmaschine gab, von der aus die einzelnen Maschinen per Riemen angetrieben wurden, gab es nun lauter Maschinen, die einen jeweils eigenen Elektromotor hatten. Das ganze Layout einer Fabrik war vorher um die zentrale Dampfmaschine organisiert. Prozesse wurden an die Position der Maschinen angepasst und die Position der Maschinen hing davon ab, wie dicht sie an der zentralen Dampfmaschine stehen mussten. Mit dem Elektromotor konnte man die Maschinen nun so positionieren, wie es für den eigentlichen Prozess, zum Beispiel die Produktion eines Autos sinnvoll war. In der Übergangsphase wurde oft die Dampfmaschine gegen einen sehr großen Elektromotor getauscht, aber irgendwann waren die Prozesse sinnvoll angepasst.

Der Sprung vom Fließband zur Automatisierung hatte ähnliche Auswirkungen und genau diese Auswirkungen auf Produktionsprozesse und Veränderung von Arbeitsplätzen erleben wir vom Sprung von der Automatisierung auf die Digitalisierung heute wieder. Nur, dass eben alles immer schneller wird.

Die Technik entwickelt sich also immer weiter und das hat sicherlich ganz unterschiedliche Gründe. Fakt ist aber, dass Menschen immer an bestehenden Dingen herum optimieren und immer jemand etwas erfindet was besser, schneller oder günstiger ist als die etablierte Lösung. Das ist meiner Meinung nach die eine Quelle von Veränderung.

Die andere Art von Veränderung wird genau durch diese technischen Fortschritte ausgelöst. Als Unternehmer habe ich vielleicht eine gute laufende Firma mit etablierten Prozessen, guten Produkten und motivierten und glücklichen Mitarbeitern und zufriedenen Kunden. Je größer ein System ist, desto größer ist auch die Trägheit gegenüber Veränderungen. Im Gegensatz zu der Weiterentwicklung unserer Technologie wandeln sich Unternehmen, also Ansammlungen von Menschen, erstmal nicht von alleine und freiwillig. Und wo ich als Unternehmer in den 50ern oder 60ern vielleicht noch eine gefühlte Stabilität über Jahrzehnte durchleben konnte, verändert sich die Welt heute eher im Jahrestakt.

Und genau daher kommt meiner Meinung nach der große Leidensdruck, auf den heute immer das Etikett der Digitalisierung geklebt wird. Die Technik schreitet immer schneller voran und die Unternehmen müssen diese Veränderungen mitmachen, ob sie wollen oder nicht. Denn die Digitalisierung kommt ja auch noch Hand in Hand mit der Globalisierung, durch die mein ärgster Wettbewerber nicht mehr auf der anderen Seite des Marktplatzes in Sichtweite sitzt, sondern am anderen Ende der Welt.

Warum das für mich als Unternehmer mit meinen Produkten und Dienstleistungen genau so ein Thema ist, wie für mich als Arbeitgeber mit meinen glücklichen oder nicht so glücklichen Mitarbeitern, das kommt in meinem Interview mit Finn Plotz unter dem Titel „Wie gründet ein Digital Native?“ ganz gut zum Ausdruck. Finn beschreibt, wie er mit 16, aus dem Haus seiner Eltern heraus, eine Firma aufbaut, die das Design aus New York, die Software aus Süddeutschland und die Hardware in China bezieht. Er hat nie eine andere Welt kennengelernt und es gibt keinen plausiblen Grund, heute anders an so eine Herausforderung heranzugehen. Und das muss erstmal bei allen Unternehmern der alten Welt ankommen.

Und hier schließt sich jetzt auch wieder der Bogen zu meinem Einstieg in diese Episode. Als Rike aus der Elternzeit zurückkehren wollte und es mit Teilzeit und einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht gut klappte, war das Gründen einer eigenen Firma ein machbarer und plausibler Weg. Heute beschäftigen wir ein Team aus sechs tollen Softwareentwicklerinnen und Softwareentwicklern und wir bieten nach innen genau diese Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir haben Lionizers von Anfang an darauf hin organisiert, dass Home Office und flexible Arbeitszeiten gewollt und machbar sind. Und dadurch haben wir vergleichsweise wenig Probleme, motivierte und glückliche Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Und weil wir diese Randbedingungen als Grundstein für die Firma eingebaut haben, bieten wir nach außen genau die professionellen Prozesse und Schnittstellen, wie andere Firmen mit klassischen 9-to-5-Arbeitsplätzen das auch tun. Wir haben uns damit aber einfach der aktuellen Realität des Arbeitsmarktes gestellt und mit ihr arrangiert.

So, das war nun meine Zusammenfassung der letzten 35 Episoden „Wege der Digitalisierung“. Ich bin total gespannt auf die kommenden Interviews und auf alles, was ich noch lernen werde. Auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass uns die Veränderung erhalten bleiben wird.

Ich hoffe, dass euch diese Solo-Episode auch gefallen hat und ich ein wenig mehr Licht ins Dunkel der Digitalisierung bringen konnte. Wenn dem so war, dann teilt die Episode doch gern bei Twitter, Facebook, Xing oder Linkedin und schreibt mir am Liebsten einen Kommentar auf der Webseite wegederdigitalisierung.de

Und wer nach dieser nicht ganz so schamlosen Erzählung über die Lionizers mehr über uns wissen will, kann sich gerne mit mir auf einen Kaffee oder ein Mittagessen verabreden und mehr erfahren. Und falls bei euch ein Digitalisierungs-Projekt ansteht bei dem eine IoT-Anwendung, eine Software-Plattform oder eine App zu entwickeln ist, dann würde ich mich auch sehr freuen, wenn wir dabei weiterhelfen könnten.

Viel Spaß beim Zuhören!

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By |2018-10-16T20:50:22+00:0017. Oktober 2018|Interview|0 Kommentare

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