Fragt man Kinder und Jugendliche nach ihren Berufswünschen, so werden meist Berufe wie Lehrerin, Fußballspieler oder Polizistin genannt. Auch die Berufe der Eltern stehen hoch im Kurs. Der Grund: Andere Berufe sind unbekannt und den Kindern so fremd, dass sie keinen Bezug zu ihnen haben. Das gilt vor allem für technische und naturwissenschaftliche Berufe. Denn auf den ersten Blick haben diese nur wenig mit der Lebensrealität von Kindern zu tun.

Dabei können viele Alltagsfragen mithilfe von Technik und Naturwissenschaften beantwortet werden. Auch Kindern können diese Themen also nahegebracht werden – wenn sie auf anschauliche und leicht verständliche Weise vermittelt werden. Genau das haben sich die Kinderforscher an der Technischen Universität Hamburg (TUHH) zur Aufgabe gemacht.

Im Interview mit Nils erklärt die Gründerin und Leiterin der Kinderforscher Gesine Liese, was ihr Projekt so besonders macht und wie sie es schafft, sogar Grundschüler für technische und naturwissenschaftliche Fragestellungen zu begeistern.

Mit dem Spirit des Silicon Valley

Die gebürtige Deutsche Gesine Liese ist als Kind mit ihren Eltern in die USA ausgewandert – in das heutige Silicon Valley, wo ihr Vater bei IBM gearbeitet hat. Bis zu ihrem High-School-Abschluss hat sie dort gelebt und der Spirit des Silicon Valley hat sie bis heute tief geprägt. Liese hat hautnah miterlebt, wie aus kleinen Garagen-Startups milliardenschwere Unternehmen wurden. Und sie hat gesehen, dass man alles schaffen kann, wenn man nur fest an sich und seine Ideen glaubt: „Wir alle, die in diesem Zeitraum zwischen 1968 und 1984 im Silicon Valley groß geworden sind, haben den Glauben, dass wir die Welt bewegen können.“ Und genau so gehe es ihr auch: „Ich möchte gerne die Welt verändern.“

Das ist Liese gelungen: Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas Liese hat sie 2006 die Kinderforscher gegründet. Die Kinderforscher sind ein Projekt der TUHH. Das Ziel: Schülerinnen und Schüler von der dritten bis zur 13. Klasse für naturwissenschaftliche und technische Fragen zu begeistern, um so ihr Interesse an den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu aktivieren und zu fördern. Wie die Kinderforscher das schaffen? Indem sie durch praktische und alltagsnahe Experimente zunächst den Forschergeist der Kinder und Jugendlichen wecken und ihnen dann hautnah zeigen, wie an der TUHH an genau diesen Themen geforscht wird.

Kindheitserfahrungen kreieren

Der Grundgedanke dahinter ist simpel: „Jeder, der Ingenieure kennt, weiß, dass sie wahnsinnig gerne herumtüfteln“, sagt Lise. „Und wenn man sie fragt, wie sie auf ihren Berufswunsch gekommen sind, dann hört man oft, dass es an einer Kindheitserfahrung lag. Dass sie selbst gerne etwas gebaut haben oder mit dem Opa an Modelleisenbahnen gebastelt haben oder Ähnliches.“ Bei den Kinderforschern geht es genau darum, diese Kindheitserfahrungen zu kreieren und den Kindern Naturwissenschaften und Technik auf spielerische Weise nahezubringen.

Um das zu erreichen, bieten die Kinderforscher viele verschiedene Projekte und Produkte an. So gibt es Experimentierkurse für Grundschüler, in denen sie im wöchentlichen Wechsel in ihren Klassenräumen experimentieren und Exkursionen an die TUHH machen, oder den Nachwuchscampus, der sich an ältere Schüler ab der achten Klasse richtet. Zudem bieten die Kinderforscher sogenannte Experimentierkisten an. In diesen Kisten werden Materialien zu spannenden Fragen aus dem Alltag zusammengestellt, etwa „Wie geht Hefeteig auf?“, „Warum fliegen Flugzeuge?“ oder „Wie wird Abwasser sauber?“. Mit den genannten Angeboten erreichen die Kinderforscher jährlich rund 1.000 Kinder und Jugendliche aus Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, Tendenz steigend.

Kniffelix: Online-Plattform für das Experimentieren zuhause

Mit ihrem jüngsten Angebot Kniffelix wollen die Kinderforscher noch höher hinaus und noch mehr Kinder und Jugendliche erreichen. Kniffelix ist eine Online-Plattform, die die Experimente der Kinderforscher zu den Kindern und Jugendlichen nach Hause bringt. Liese selbst vergleicht Kniffelix mit den Lach- und Sachgeschichten aus der Sendung mit der Maus – jedoch mit einem wesentlichen Unterschied: Die Kniffelix-Experimente sind interaktiv. Auch hier gibt es zwar kurze Videos, in denen bestimmte Themen angesprochen, Fragen geklärt oder Berufsbilder aus dem MINT-Bereich vorgestellt werden. Die Zuschauer werden aber zwischendurch immer wieder dazu aufgefordert, selbst aktiv zu werden:

„Wenn ich fernsehe, dann sitze ich vor einem Fernseher. Wenn ich die Kniffelix-Plattform aufrufe, dann gibt es da erstmal ein kleines Video von zwei bis drei Minuten, um mich an eine Alltagsfrage heranzubringen. Zum Beispiel werde ich gefragt, welcher Pizzatyp ich bin, ob ich einen knusprigen Pizzaboden lieber mag oder einen fluffigen, weichen. Von da aus wird dann gefragt, wie das überhaupt mit dem Hefeteig funktioniert. Und dann werde ich vom Computer weg in die Küche geschickt, um das selbst mal auszuprobieren“, erklärt Liese das Konzept.

Interaktion und Mitmachen im Fokus

Darüber hinaus werden die Teilnehmer dazu animiert, Fotos von ihren Experimenten hochzuladen und eigene Experimentierideen vorzuschlagen. Anhand von Quizfragen können die Kinder und Jugendlichen ihr Wissen auf spielerische Weise testen und noch mehr lernen. Bei allem stehen der Austausch, die Interaktion und das eigenständige Ausprobieren und Aneignen von Wissen im Vordergrund.

Dabei ist laut Liese vor allem eines wichtig: der Spaß an der Sache. „Man sollte definitiv keine Scheu bei Kindern entstehen lassen“, sagt Liese. Viele Erwachsene hätten selbst Hemmungen in Sachen Experimentieren. Vor Dingen, die neu für sie sind, hätten sie häufig Angst. Kinder hingegen würden diese Angst nicht kennen. Deshalb sei es umso wichtiger, die eigenen Vorbehalte nicht auf die Kinder zu übertragen. Das gelte auch für Vorurteile und Stereotype, die man selbst möglicherweise im Kopf hat, etwa, dass Mädchen in bestimmten technischen Dingen nicht so begabt seien wie Jungen.

Ein gesundes Mittelmaß

Gleichzeitig warnt Liese vor einer zu starken Fokussierung auf das Technisch-Naturwissenschaftliche. Es sei zwar großartig, wenn man das Interesse an naturwissenschaftlichen Fragen in den Kindern wecken und sie für derartige Themen begeistern könnte. Dabei dürfe man aber nicht vergessen: Jedes Kind ist unterschiedlich und hat unterschiedliche Interessen. Wenn ein Kind also liebend gerne tüftelt und experimentiert, sollte man das fördern. Wenn es aber lieber mit Puppen oder mit der Spielküche spielt, dann ist auch das völlig in Ordnung. Grundsätzlich gilt laut Liese: Eltern sollten alles in Maßen anbieten, einen gesunden Mittelweg finden und Einseitigkeit vermeiden.

Viel Spaß beim Zuhören!

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