Produkte, Prozesse, Wertschöpfungsketten und weiche Faktoren – das sind die vier Bereiche, auf die sich die Digitalisierung laut Arnold Mergell auswirkt. Mergell ist Vorstandsvorsitzender des Wirtschaftsvereins für den Hamburger Süden und geschäftsführender Gesellschafter der Hobum Oleochemicals, ein Hamburger Familienunternehmen in vierter Generation, das auf die Herstellung von Lacken und Farben sowie Kunst- und Klebstoffen für Industriekunden spezialisiert ist.

Mergell kommt somit aus einer Branche, die bislang kaum von der Digitalisierung betroffen war. Dennoch setzen sich sein Team und er seit geraumer Zeit intensiv mit dem Thema auseinander. Denn Mergell ist überzeugt: Die Digitalisierung birgt auch für Branchen, deren Produkte sich nicht digitalisieren lassen, ein enormes Potenzial.

Im Interview mit Nils führt er anhand von zahlreichen Beispielen aus, wie sich Wettbewerbsvorteile auf- und ausbauen, Prozesse vereinfachen und Wertschöpfungsketten optimieren lassen – und das, ohne dass die Mitarbeiter um ihren Job fürchten müssen.

Auswählen aus den Möglichkeiten

Die eine Digitalisierungsstrategie, die allen Unternehmen hilft, gibt es laut Mergell nicht. Vielmehr müsse sich jede Firma eine eigene Strategie zurechtlegen, ist Mergell überzeugt und vergleicht die Strategieentwicklung mit dem Einkauf im Supermarkt. Dabei wähle man ja auch aus vielen verschiedenen Angeboten aus und stelle sich den Warenkorb so zusammen, dass er zu einem passe.

Trotz der individuellen Unterschiede erkennt Mergell aber durchaus Gemeinsamkeiten, was die übergeordneten Handlungsfelder betrifft. Alles in allem macht er vier Bereiche aus, die jedes Unternehmen mit Blick auf die Digitalisierung genau prüfen solle: Produkte, Prozesse, Wertschöpfungsketten und weiche Faktoren.

Nicht alles lässt sich digitalisieren

Fest steht dabei aber auch: Nicht alle Bereiche können in allen Branchen und Unternehmen digitalisiert werden. Mergells Firma Hobum ist dafür das beste Beispiel: Die Lacken und Farben lassen sich schlicht nicht digitalisieren. Es sind extrem langlebige Produkte, die zum Teil schon seit Jahrzehnten genauso auf dem Markt sind und die voraussichtlich auch noch in vielen Jahren genauso angeboten werden. Eine Digitalisierung ist hier schlicht nicht möglich.

Mehr Effizienz durch die Automatisierung von Prozessen

Ganz anders sieht es im zweiten Bereich, der Prozesstechnologie, aus. Die Produkte der Hobum werden im sogenannten Batchprozess hergestellt. Das heißt, die einzelnen Herstellungsschritte werden streng nacheinander abgearbeitet, vergleichbar mit dem Kochen nach Rezept mit einem Thermomix.

Mit Hilfe der Digitalisierung könnte dieser Prozess künftig noch stärker automatisiert werden. Das wird deutlich, wenn man sich den konkreten Ablauf der Qualitätssicherung anschaut: So müssen nicht nur die Endprodukte, sondern auch die Zwischenprodukte immer wieder analysiert werden. Dafür muss der Reaktor zum Stillstand gebracht werden und abkühlen – wobei es sich um Ausgangstemperaturen von bis zu 300 Grad handeln kann. Anschließend wird eine Probe gezogen und in einem separaten Labor festgestellt, ob diese in Ordnung ist. Erst dann kann der Reaktor wieder aufgeheizt und der Prozess fortgesetzt werden. Der ganze Prozess dauert viele Stunden und ist sehr aufwändig.

Über eine digitale Echtzeit-Analyse könnte die Qualitätssicherung künftig automatisiert und das Verfahren erheblich kosten-, energie- und zeiteffizienter gestaltet werden. Dabei könnte die Charge, die sich gerade in der Herstellung befindet, nicht nur durch Sensoren im Reaktor in Echtzeit überprüft werden. Die Charge könnte bei Bedarf sogar direkt nachgebessert werden, etwa indem fehlende Rohstoffe hinzugefügt oder die Herstellungstemperaturen angepasst werden.

Reibungsloser Ablauf der Supply Chain

Auch im dritten Bereich, dem Thema Wertschöpfungsketten, könnte die Digitalisierung in Zukunft bei Hobum effektiv genutzt werden. Das gilt für interne Prozesse wie die Auftragsannahme und -abwicklung ebenso wie für alle externen Prozesse von der Absprache mit den Rohstofflieferanten bis zur Auslieferung der Produkte an den Endkunden.

Erheblich effizienter gestaltet werden könnte die Supply Chain beispielsweise, wenn der Kunde nicht nur die Ware der Hobum bekommt, sondern ihm auch ein smarter, mit der Hobum vernetzter Tank bereitgestellt wird. Der Tank könnte Verbrauch und Füllstand kontinuierlich messen und die Hobum rechtzeitig darüber informieren, wann es wieder Zeit ist, Rohstoffe zu bestellen, um eine neue Charge herzustellen und diese dann auszuliefern.

Mit dieser Vernetzung könnte die Supply Chain nicht nur erheblich effizienter und reibungsloser ablaufen. Die Hobum hätte außerdem ein zusätzliches Alleinstellungsmerkmal. Sie würde dem Kunden nämlich nicht mehr nur ein Produkt liefern, sondern gleich den kompletten Versorgungsprozess übernehmen.

Die Digitalisierung als Chance in Zeiten des Fachkräftemangels

Der vierte Bereich, die weichen Faktoren, schließlich umfassen viele verschiedene Themen, etwa Cyber-Kriminalität, Cloud-Computing und Kommunikation. Eine ganz besondere Rolle spielt laut Mergell die interne Kommunikation mit den Mitarbeitern. Wichtig sei, mit ihnen über die Veränderungen, die durch die Digitalisierung ausgelöst werden, zu sprechen und ihnen eventuelle Ängste zu nehmen.

Mergell selbst habe keine Angst davor, dass es durch digitale Neuerungen in seinem Betrieb zu einem großen Arbeitsplatzabbau kommen werde. Im Gegenteil: „Ich sehe überhaupt nicht die Gefahr, dass wir heute 50 Leute sind und irgendwann nur noch 30 wegen der Digitalisierung. Ich sehe eher die Chance, dass wir irgendwann 100 sind, also doppelt so viele, dann aber das Dreifache an Produkten generieren.“ Für Mergell sei die Digitalisierung eine Chance, Wachstum zu begleiten, insbesondere auch in Zeiten des Fachkräftemangels.

Kleine Schritte auf dem Weg in die digitale Zukunft

Aktuell hat die Hobum – wie so viele deutsche Mittelständler – erst kleine Schritte in Richtung digitale Zukunft unternommen. Anders als andere Unternehmen hat die Hobum dafür aber auch Zeit: Die Edelstahl-Reaktoren, in denen die Produkte hergestellt werden, sind extrem langlebig und arbeiten auch nach vielen Jahrzehnten noch einwandfrei. Und auch die Produkte haben sich über die Jahre nicht verändert:

„Ein Produkt, was gut ist, bleibt auch gut“, ist Mergell überzeugt. „Die Applikation darf sich ändern, ein Automobil darf sich ändern, smarter werden, digitaler werden, elektrifiziert werden, mit Wasserstoff angetrieben werden. Aber solange ein Auto aus Metall gebaut wird, braucht es Korrosionsschutz.“ Und dafür werde heute – und voraussichtlich noch lange in der Zukunft – ein wasserbasierter Härter verwendet, der bereits in den Achtziger-Jahren entwickelt wurde.

Die Hobum hat damit einen wesentlichen Vorteil gegenüber anderen Unternehmen, deren Produkt-Zyklen kürzer sind. Ausruhen und abwarten will Mergell dennoch nicht. Momentan erarbeitet das Unternehmen eine umfassende Digitalisierungsstrategie, die in den kommenden Jahren nach und nach umgesetzt werden soll.

Viel Spaß beim Zuhören!

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