Die digitale Transformation betrifft nahezu jeden Aspekt unseres Lebens und verändert unsere Gesellschaft wie kein anderer Megatrend. In Teil 1 unseres Interviews mit dem Politikwissenschaftler Aaron Sterniczky haben wir über die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Demokratie gesprochen. Im 2. Teil widmen wir uns insbesondere der Frage, wie wir Technologie, Ökonomie und Ökologie zusammendenken und die Klimafrage als Weltgemeinschaft lösen können.

Die Digitalisierung als vierte Industrielle Revolution

Wie Sterniczky bereits im ersten Teil des Interviews ausgeführt hat, ist die Digitalisierung insgesamt nicht so sehr als großer Umbruch zu verstehen, sondern vielmehr „als das nächste Glied in der Kette von modernen Entwicklungen“. Das trifft auch zu, wenn man die digitale Transformation als vierte Industrielle Revolution ansieht. Spannend an einer Industriellen Revolution ist, dass sie durch einen Wechsel in jeweils drei verschiedenen Bereichen gekennzeichnet ist. So habt sich laut Sterniczky in jeder Industriellen Revolution nicht nur der Primärenergieträger gewandelt, sondern daraus resultierend auch das Mobilitätsmedium sowie die Kommunikationsmedien.

Die Industriellen Revolutionen im Überblick

Im Rahmen der ersten Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert hatten die Briten die geniale Idee, den damaligen Primärenergieträger Kohle auf ein Fortbewegungsmittel zu übertragen – nämlich den Zug. Dadurch war es möglich, eine Infrastruktur aufzubauen, mit der sie das gesamte Empire verwalten konnten. Zudem setzte mit dem Aufkommen des Schienenverkehrs auch eine Urbanisierung ein, weil immer mehr Menschen in die Städte ziehen wollten, um die neue Infrastruktur nutzen zu können. Als Kommunikationsmedium entwickelte sich die Tageszeitung, anhand derer fortan nahezu jeder im gesamten britischen Empire binnen 48 Stunden die gleichen Informationen erhalten konnte. Das war die Voraussetzung dafür, dass eine Art kollektives politisches Bewusstsein der Gesellschaft entstehen konnte.

Während der zweiten Industriellen Revolution wurde Kohle als Primärenergieträger vom Erdöl abgelöst. Daraus folgte die Individualisierung des Privatverkehrs in Form des Autos. Diese Individualisierung wiederum hatte zur Folge, dass Menschen nun die Stadtzentren verlassen konnten und sich die Infrastruktur daraufhin erneut komplett wandelte. Als Kommunikationsmedium kam das Telefon auf, das es ermöglichte, dass zwei Personen in Echtzeit miteinander kommunizieren konnten, ohne sich dabei im selben Raum zu befinden.

Mit der dritten Industriellen Revolution beginnt das Versprechen der Nuklearenergie, das sich allerdings mit Tschernobyl jäh als Alptraum entpuppte. Zudem beginnt der internationale Luftverkehr, der den eigentlichen Startschuss der Globalisierung bildet. Als Kommunikationstechnologie trat ab Mitte der siebziger Jahre die E-Mail auf, mit der man fortan Datensätze zwischen zwei Personen in Echtzeit übertragen konnte.

In unserer aktuellen vierten Industriellen Revolution spielen die erneuerbaren Energien eine zunehmend wichtige Rolle. Sie legen auch den Grundstein für eine komplette Mobilitätswende. Und die Kommunikation betreffend, haben wir heute eine völlig andere, datenbasierte Infrastruktur als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Gemeinsam haben die genannten Industriellen Revolutionen laut Sterniczky vor allem eines: die Verdichtung von Raum und Zeit: Alles werde nicht nur immer schneller, sondern sei in gewisser Weise auch immer näher.

Der Westen ist kein Role Model

In der westlichen Welt ist mit den Industriellen Revolutionen auch immer ein Zuwachs an Wohlstand einhergegangen. In anderen Teilen der Welt kann hiervon keine Rede sein. Im Gegenteil: Oftmals beruht unser Wohlstand gerade darauf, dass wir die Verdichtung von Raum und Zeit dazu genutzt haben, um andere Teile der Welt noch stärker auszubeuten. Die zentrale Frage, die wir uns im 21. Jahrhundert stellen müssen, lautet daher, wie wir eine neue Balance zwischen Ökologie, Ökonomie und Technologie schaffen können.

Besonders Europa und die westliche Welt würden sich schwertun mit dieser Neuausrichtung. Denn, so Sterniczky, aufgrund unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Interessen sowie unserer Altersstruktur wünschen wir uns eigentlich so etwas wie eine permanente Gegenwart: „Wir tun uns schwer, über so etwas wie eine progressive Zukunft nachzudenken“, so Sterniczky.

In einigen afrikanischen und südostasiatischen Ländern sehe das ganz anders aus: Dort stieße die Idee einer Verbindung von Nachhaltigkeit und Technologie auf eine Resonanz, die es erlauben würde, eine nachhaltige Zukunft anzugehen. Wichtig sei dabei die Erkenntnis, dass die westliche Welt keinesfalls als Role Model fungiere. Es gehe also nicht darum, dass die restlichen Länder wie der Westen werden sollten, sondern darum, ein globales Konzept zu finden, bei dem wir uns alle neu erfinden müssen: der Westen genauso wie der Osten, der Norden und der Süden.

„Wir müssen jetzt kollektiv darüber nachdenken, wie wir uns in eine andere Gesellschaft hinein bewegen werden, entweder auf Basis von freien, demokratischen Entscheidungsprozessen oder auf Basis des ökologischen Kollaps“, so Sternitzcky. Noch gebe es ein „Window of Opportunity“, in dem wir gemeinschaftlich, fair, offen und transparent nach Lösungen suchen könnten. Doch irgendwann werde uns die Erde als System einfach wegkippen.

Wir brauchen eine klare Vision

Dass eine faire Debatte noch immer möglich ist und eine nachhaltige Zukunft realisierbar – davon ist Sternitzcky überzeugt. Denn allein im vergangenen Jahr sei eine derartige Dynamik in die Gesellschaft hineingekommen, wie es nicht einmal die größten Optimisten zu träumen gewagt hätten. Aktuell müsse also nur noch die Politik nachziehen und klare Ziele setzen. Dann würden automatisch auch Innovationsprozesse und Investitionen folgen.

Um das zu veranschaulichen, nennt Sternitzcky ein historisches Beispiel: die erste Mondlandung im Jahr 1969. In den sechziger Jahren habe Präsident John F. Kennedy erklärt, dass die USA bis Ende des Jahrzehnts auf dem Mond landen würden. Das erschien damals kaum machbar und Kritiker überall erklärten, dass das eine komplett abwegige Idee sei. Schließlich habe man weder die technischen, finanziellen noch institutionellen Voraussetzungen. Ja, es gebe nicht einmal Nahrung, die die Astronauten essen könnten. Doch Kennedy sollte Recht behalten: Nachdem er erst einmal die Vision formuliert hatte, begann eine gesellschaftliche Kräfteanstrengung, um kollektiv am Gelingen dieser Vision zu arbeiten – und das nicht unter Zwang, sondern unter den Bedingungen von Freiheit, unternehmerischer Entscheidung und eigener politischer Teilnahme.

Genau so eine gesellschaftliche Selbstverpflichtung brauchen wir laut Sterniczky auch jetzt, um die dritte Industrielle Revolution zu beenden und uns auf eine nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft einzulassen. Das kann jedoch nur dann geschehen, wenn die Staaten ein klares Ziel nennen. Dann, so Sterniczky, würden sich die Investitionen schlagartig in Richtung Nachhaltigkeit bewegen, weil die Finanzmärkte die Botschaft sofort verstehen und danach handeln würden. Die Investitionen von Forschung und Entwicklung würden ebenfalls in diese Richtung folgen. Und schließlich würde sich die Skalierung von Innovation in Gang setzen.

Eine Revolution ohne Revolution

Aktuell liege hier eine gewisse Tragik. Denn Technologie könnte ein wesentlicher Teil der Lösung unserer ökologischen und sozialen Krise sein – wenn man sie nur auf die richtige Weise einsetzen würde. In vielen Fällen geschieht das glücklicherweise heute schon: Zahlreiche Innovationen, die gegen die Klimakrise helfen könnten, sind bereits vorhanden. Sie sind schon längst über das Stadium der jungen Innovation hinaus. Allerdings lässt die notwendige Skalierung noch auf sich warten. Denn dafür braucht es den klaren politischen Willen. Gleichzeitig liegt hier laut Sterniczky auch die große Chance: „Die Instrumente sind da. Wir müssen sie nur zu nutzen verstehen. Es ist eine Revolution, ohne dass du eine Revolution brauchst.“

Viel Spaß beim Zuhören!

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