Estland gilt vielen als Vorbild in Sachen Digitalisierung. In dem baltische Staat werden nahezu alle öffentlichen Dienstleistungen online gemacht, Startups werden aktiv gelockt und umworben. Deutschland hinkt im Vergleich um Jahre hinterher. Kein Wunder, dass die Niederländerin Birthe Stuijts von dem baltischen Staat fasziniert ist. Stuijts beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Digitalisierung und Innovation. Als Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Best Strategies ist sie spezialisiert auf Digitalisierungsmaßnahmen für Unternehmen, Online-Marketing und Vertrieb. Und sie ist sich sicher: Nicht nur der deutsche Staat selbst kann sich ein Beispiel an Estland nehmen. Auch die Unternehmen hierzulande können viel von dem kleinen Land lernen.

Wettbewerbsdruck als treibende Kraft von Innovation

Für Stuijts, die auch eine Weiterbildung zur Innovation-Managerin macht, sind Digitalisierung und Innovation untrennbar miteinander verbunden. Denn sobald man sich die Frage stelle, was man digitalisieren könnte, sei man automatisch im Innovationsprozess drin. Zudem handele es sich sowohl bei der Digitalisierung wie auch der Innovierung eines Produktes um forcierte Prozesse, die ein hohes Maß an Kreativität erforderten. Entsprechend könne man Innovation und Digitalisierung zusammen betrachten: „Ich glaube, da sind nicht so viele Unterschiede“, so Stuijts.

Sowohl in Sachen Digitalisierung als auch was Innovationen betrifft, sind die Unternehmen laut Stuijts zum Handeln gezwungen. Das habe vor allem mit dem Wettbewerbsdruck zu tun, denn „bei jeder Messe muss eine bestimmte Neuheit präsentiert werden.“ Firmen müssten regelmäßig Innovationen und Optimierungen präsentieren, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dieser Druck würde sich mit zunehmender Digitalisierung verstärken, da die Entwicklungsschübe immer kürzer würden: „Man muss unglaublich schnell dabei sein und auf der Höhe der Zeit, um da am Ball zu bleiben“, ist die Unternehmerin überzeugt. Und die Firmen, die sich jetzt zurücklehnen würden, weil sie aktuell einen guten Marktanteil hätten, würden schon bald Gefahr laufen, den Anschluss zu verlieren.

Gleichzeitig sieht Stuijts im Begriff „Digitalisierung“ ein Modewort. Zwar sei es sinnvoll, wenn man sich als Unternehmer mit dem Thema intensiv auseinandersetze. „Aber“, so die Expertin, „ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, dass jeder Kleinstunternehmer wirklich alles digitalisieren muss, was digitalisiert werden kann.“ Schließlich koste das Ganze ja auch Geld und müsse realisierbar bleiben.

Estland als Vorbild

Ein Paradebeispiel dafür, wie eine erfolgreiche Digitalisierung aussehen kann, ist laut Stuijts das Land Estland. Das Besondere an dem Staat: Zum einen ist er mit rund 1,3 Millionen Einwohnern ein sehr kleines Land, zum anderen ist er erst vor nicht einmal 20 Jahren unabhängig geworden: „Die mussten auf einmal ein Land regieren und auch verwalten und sie hatten einfach nicht die Manpower, um diese ganze Verwaltung zu erledigen“, erklärt Stuijts die damalige Herausforderung.

Aus der Not heraus hat Estland deshalb sehr früh damit begonnen, Prozesse zu digitalisieren. Zudem wurde das Thema Digitalisierung bereits in den 90er-Jahren in die Schulen gebracht. Die Schüler von damals wiederum sind nun im Arbeitsleben angekommen und treiben die Digitalisierung auf einem ganz anderen Niveau heran, als es etwa hierzulande der Fall ist. Entsprechend sind heute laut Stuijts rund 99 Prozent der Verwaltungsschritte digital. Nur heiraten und sterben – das ließe sich noch nicht digital erledigen, so Stuijts.

Welche Vorteile die umfassende Digitalisierung hat, zeigt sich beispielsweise, wenn man sein Auto verkaufen möchte. In Estland ist das in wenigen Schritten online erledigt. Und alle Informationen rund um das Auto – einschließlich eventueller Unfälle und Reparaturen – sind für alle ganz transparent abrufbar.

Für Estland ist die Digitalisierung ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal, den das Land als Vermarktungsstrategie einsetzt. Ein Staat sei in dieser Hinsicht mit einem Unternehmen vergleichbar: Auch Länder müssen laut Stuijts sehen, wie sie gemanagt werden können und Geld reinbekommen. Deshalb würde Estland sich vor allem für Startups attraktiv machen, denn gerade für sie ist der Digitalisierungsgrad eines Standorts ein entscheidendes Kriterium. Ein Beispiel dafür, wie es Estland schafft, junge Unternehmensgründer anzuziehen, ist die Möglichkeit, sehr schnell und unkompliziert eine E-Residency zu beantragen.

Stuijts sieht in dem baltischen Staat aber nicht nur ein Vorbild für die Bundesrepublik, sondern auch für den deutschen Mittelstand. Denn: Wenn ein ganzes Land es schafft, seine Bürger zum Mitmachen zu bewegen, dann muss es doch auch ein Unternehmen schaffen, sich so zu wandeln, dass alle Mitarbeiter mitgenommen werden können.

Lob der Fehlerkultur

Damit das tatsächlich gelingt, müsste sich laut Stuijts allerdings eine Sache ganz wesentlich ändern: die Fehlerkultur. Hierzulande sei der Gedanke weit verbreitet, dass man keine Fehler machen dürfe. Dabei seien gerade die Fehler oft sehr wertvoll – genauso wie die Mitarbeitenden, die meckern. Hier lohne es sich häufig, genauer hinzuschauen und nachzuhaken, wie man den Arbeitsalltag der unzufriedenen Personen verbessern könnte.

In größeren Unternehmen ist dieser Kulturwandel zwar oftmals schwieriger umzusetzen als in kleinen. Dennoch gibt es Möglichkeiten, auch hier neue Impulse zu setzen. Das könnten interne Weiterbildungen und Team-Sitzungen zum Thema „Innovation“ sein. Sinnvoll wären aber zum Beispiel auch Besuche der konkreten Arbeitsplätze von Mitarbeitenden, um zu prüfen, was sie eigentlich genau machen – und vor allem, was sie brauchen. Und schließlich könnte auch über die sogenannte Job Rotation nachgedacht werden, bei der der Arbeitsplatz immer mal wieder gewechselt wird. Durch derartige interne Prozesse werde das starre System aufgelockert und für Digitalisierung und Innovation geöffnet.

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