Verlage klagen seit langem darüber, dass die Digitalisierung ihr klassisches Geschäftsmodell zerstört: Einerseits wollen viele Userinnen und User nicht für digitale Inhalte bezahlen. Andererseits fließt ein großer Teil des Geldes, das Unternehmen für digitale Werbung ausgeben, heute an Facebook, Google und Co. Und schließlich hat sich auch der Medienkonsum vieler Leserinnen und Leser verändert: Neue Kanäle und Plattformen sind hinzugekommen, aber auch neue Akteurinnen und Akteure außerhalb der klassischen Medien, etwa Bloggerinnen und YouTuber, informieren – mal mehr und mal weniger seriös – über das Weltgeschehen.

Was also können Medienhäuser tun, um ihr Publikum auch künftig zu erreichen, um eine größere Diversität innerhalb der Leserschaft zu erzielen und vor allem: um weiterhin unabhängigen, qualitativ hochwertigen Journalismus zu liefern?

Genau darüber haben wir mit Alexandra Borchardt und Ulrike Dobelstein-Lüthe vom Digital Journalism Fellowship (DJF) gesprochen. Das DJF ist ein Weiterbildungsprogramm der Hamburg Media School für Journalistinnen und Journalisten. Auf dem Lehrplan stehen Module, die das gesamte Spektrum des digitalen Journalismus – vom mobilen Storytelling über Entrepreneurial Thinking bis hin zu digitaler Medienethik – abdecken.

Journalismus ist keine Einbahnstraße

Die Digitalisierung hat zahlreiche, mitunter tiefgreifende Auswirkungen auf den Journalismus. Eine der wesentlichsten ist laut Borchardt, die für die inhaltliche Ausgestaltung des DJF zuständig ist, dass Journalismus nicht länger eine Art Einbahnstraße ist. Früher ist die Kommunikation meist nur in eine Richtung verlaufen: „Man predigte so ein bisschen zu seinem Publikum“, so Borchardt. Hin und wieder habe man vielleicht mal jemanden in eine Talkshow eingeladen, aber ein wirklicher, gleichwertiger Austausch habe nicht stattgefunden. Das sei heute anders: Heute stünden Journalisten im direkten Dialog mit ihrem Publikum. Das könne manchmal anstrengend sein. Gleichzeitig könnten beide Seiten aber auch sehr viel voneinander lernen.

Die digitale Transformation wirkt sich aber nicht nur auf den Journalismus an sich aus. Auch die Art der Zusammenarbeit in den Redaktionen verändert sich. Die Corona-Krise und das damit einhergehende umfassende ortsübergreifende Arbeiten haben das besonders deutlich gemacht. „Wir merken das erste Mal, was ‚remote arbeiten‘ eigentlich wirklich heißt“, sagt Dobelstein-Lüthe, die den administrativen Bereich rund um das DJF verantwortet.

Machtverhältnisse verändern sich

Durch digitale Tools seien dezentrale Redaktionen möglich und dadurch würden sich auch die hierarchischen Strukturen verändern. „Digitalisierung stellt Machtverhältnisse nicht unbedingt auf den Kopf, aber sie schafft zum Teil neue Machtverhältnisse“, ist Borchardt überzeugt und illustriert das an einem Beispiel: Früher hätten oft die Kolleginnen und Kollegen mit dem kürzesten Weg zum Meeting-Raum mehr Einfluss in der Besprechung gehabt, weil sie dichter an der Redaktionsleitung dran gewesen seien. Durch die digitalen Meetings seien nun auf einmal alle gleich weit voneinander entfernt. Und auch der Raum, den die Teilnehmenden einnehmen, ist nun gleich groß, weil alle auf eine digitale „Kachel“ in der Konferenz beschränkt seien. Dadurch würde viel mehr Gleichheit geschaffen. Diese Gleichheit, die durch die identischen Kacheln entsteht, ist für Borchardt ein Symbol für einen Kulturwandel und eine neue Zukunft, die die Medienhäuser hoffentlich beschreiten.

Viele Verlage haben diesen Kulturwandel dringend nötig. Nicht nur, weil sie agiler werden und mehr experimentieren sollten, sondern auch weil es noch immer an Diversität und Gender Equality mangelt. Gerade in deutschen Medienhäusern ist es um diese beiden Themen nicht gut bestellt. Die Medienbranche hierzulande sei noch immer „sehr männlich geprägt“, so Borchardt. So habe die Initiative Pro Quote 2019 Zahlen veröffentlicht, nach denen von 110 Regionalzeitungen lediglich 8 Chefredakteurinnen hatten. Eine vergleichende Studie des Reuters Institut und der Universität Mainz habe außerdem gezeigt, dass Deutschland im Vergleich zu Großbritannien und Schweden das absolute Schlusslicht in puncto Gleichstellung von Mann und Frau in Medienhäusern ist.

Mehr Diversität wagen

Was das Thema „Diversität“ betrifft, hinkt Deutschland noch weiter hinterher: Studien zufolge hätten  laut Dobelstein-Lüthe lediglich 6 Prozent der Chefredakteurinnen und -redakteure in Deutschland einen Migrationshintergrund. Das sei „natürlich wahnsinnig gering“ und stelle auch deshalb ein riesiges Problem dar, weil „Journalismus in einer Demokratie auch die Gesellschaft abbilden sollte in der er operiert“, so Borchardt. Und weiter: „Es ist eigentlich sehr traurig, wenn man in schlauen Kommentaren all diese Dinge beschwört und es dann im eigenen Haus nicht auf die Reihe kriegt.“

Die Finanzierung wird schwieriger

Eine große Herausforderung dabei ist laut Bochardt, dass viele Medienhäuser glauben, sie müssten sich erst einmal um das Thema Digitalisierung kümmern und erst danach um Diversität. Das sei allerdings Quatsch. Denn bei Digitalisierung gehe es nicht in erster Linie um irgendwelche Tools. „Es geht nicht um Technologie“, so Borchardt, es gehe um Vielfalt: Der Kern liege darin, ein breiteres Publikum anzusprechen, durch verschiedene Plattformen eine größere Diversität der Userinnen und User zu erreichen, sich vielfältiger zu vernetzen und vor allem auch auf die sehr unterschiedlichen Wünsche und Anforderungen einzugehen. Genau diese Ausrichtung auf ein sehr breites Publikum sei es letztlich, was die großen Gewinner der Digitalisierung, wie etwa Amazon, so erfolgreich gemacht habe.

Eine weitere große Aufgabe, der sich die Verlage und Redaktionen stellen müssen, ist das Thema Finanzierung. Kern des guten, unabhängigen Journalismus sei seine Unabhängigkeit, so Borchardt. Diese sei früher vor allem dadurch gewährleistet gewesen, dass es sehr viele verschiedene Anzeigenkunden gegeben hätte. Und keiner von ihnen sei so mächtig gewesen, dass er den Redaktionen hätte reinreden können.

Heute sei das aufgrund der fehlenden Anzeigenkunden deutlich schwieriger geworden. Die Verlage seien nun sehr stark darauf angewiesen, sich entweder über die Leserinnen und Leser zu finanzieren oder neue Finanzierungsquellen zu finden. Würden sie sich nur auf die Leserinnen und Leser stützen, müssten sie jedoch „ein wahnsinnig teures Produkt“ verkaufen, so Borchardt. Bei anderen Finanzierungsmodellen, etwa der staatliche Finanzierung, wiederum könnte im schlimmsten Fall die Unabhängigkeit gefährdet werden. Gleiches gilt letztlich auch für den privatfinanzierten Journalismus, wenn die Vielfalt der Finanzierung wegfällt. Wichtig ist deshalb, dass es Kontrollmechanismen gibt, die die Unabhängigkeit der Journalistinnen und Journalisten sicherstellen.

Das DJF selbst sei dafür laut Borchardt ein gutes Beispiel. Das Programm wird zwar durch das Facebook Journalism Project (FJP) finanziert. Die inhaltliche Unabhängigkeit wird aber durch einen ehrenamtlichen Beirat gewährleistet, der aus namhaften Journalistinnen und Journalisten aus der Medienbranche besteht.

Neue Geschäftsfelder als Lösung

Doch nicht nur private Geldgeber können die Finanzierung von Journalismus sichern. Immer mehr Verlage entwickeln außerdem ganz neue Geschäftsfelder: „Es gibt kaum ein Medienhaus, das mit einem einzigen Geschäftsmodell auskommt, sondern man versucht, das auf verschiedenste Beine zu stellen“, erklärt Borchardt. Ein wichtiger Bereich sei dabei bis vor der Corona-Krise der Veranstaltungsbereich gewesen. Doch auch die Beteiligung an Start-ups oder sogar der Betrieb von Coworking-Spaces hätten sich für einige Verlage zu vielversprechenden Business-Cases entwickelt.

Links aus dem Interview

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Webtipps

  • Reuters Institute for the Study of Journalism
    In Großbritannien ansässiges Forschungszentrum und Think Tank. Forschungszentrum der Universität Oxford zu Themen, die Nachrichtenmedien weltweit betreffen
  • Digital News Report des Reuters Institute
    Weltweit größte fortlaufende Studie zum digitalen Medienkonsum u. a. Zu Publikumforschung und damit zusammenhängenden Fragen wie: Was denken Sie über den Journalismus? Mit welchen Geräten konsumieren Sie Journalismus? Wie informieren sich Populisten? …
  • CORRECTIV: Faktencheck
    Recherchen für die Gesellschaft und mit der Gesellschaft
    Erstes gemeinnütziges Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Recherchiert langfristig zu Missständen in der Gesellschaft, fördert Medienkompetenz und führt Bildungsprogramme durch
  • Neue deutsche Medienmacher*innen
    Bundesweiter Zusammenschluss von Medienschaffenden, die sich für mehr Vielfalt in den Medien einsetzen
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