So ziemlich jeder Bereich des privaten, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens ist vom digitalen Wandel betroffen. Das nehmen viele Menschen als Bedrohung wahr. Sie betrachten die neuen digitalen Lösungen als Konkurrenz und haben Angst vor der Zukunft.

Wichtig ist deshalb laut Sven Enger, sich intensiv mit der Digitalisierung und ihrem Nutzen zu befassen und sich nach der eigenen Rolle in unserer zunehmend durchtechnologisierten Welt zu fragen.

Enger ist Keynotespeaker, Autor und Impulsgeber für Digitalisierung. Einen besonderen Fokus in seinen Vorträgen und Büchern legt er auf die Frage, wie der digitale Wandel unsere Gesellschaft transformieren wird. Darum und um die Frage, welche Auswirkungen die immer stärker um sich greifende Technologisierung auf unser Selbstverständnis hat, geht es auch in dieser Podcast-Episode.

Digitalisierung als „innere Haltung“

Die Digitalisierung verändert Wirtschaft und Arbeitswelt fundamental. Dieser Wandel fordert von Unternehmen und Organisationen ein radikales Umdenken und neue Herangehensweisen. Aktuell „wird zwar unglaublich viel über das Thema Digitalisierung gesprochen“, so Enger. Gleichzeitig werde aber „recht wenig nachgedacht und vor allen Dingen abgeglichen.“ Viele Unternehmen würden glauben, dass Digitalisierung wie eine To-do-Liste sei, die man einfach Schritt für Schritt abarbeiten könne, und am Ende sei man dann „digital“. Bevor man aber überhaupt mit der Digitalisierung beginne, sollte man sich jedoch die Frage stellen, was man überhaupt damit erreichen möchte.

Für Enger steht deshalb fest: „Digitalisierung ist keine Aufgabe, die ich einmalig abhake.“ Vielmehr sei es eine innere Haltung: eine innere Haltung, die man zu sich selbst oder auch zum jeweiligen Unternehmen entwickeln müsse und die einen dann ein Leben lang begleiten werde.

Sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen, erfordert laut Enger sehr viel Mut. Man müsse sich trauen, einfach mal loszulaufen und ruhig auch mal ein Stück weiter zu gehen als andere. Das sei zwar durchaus mit Risiken verbunden, könne aber auch große Chancen bieten.

Ein Wettbewerb, den wir nur verlieren können

Viele Menschen scheuen sich jedoch noch immer davor, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Denn oft ist der digitale Wandel ein stark angstbesetztes Thema. Enger nennt hierfür das Paradebeispiel Künstliche Intelligenz: Viele würden sie als Bedrohung wahrnehmen, aus der Angst heraus, die Roboter könnten irgendwann intelligenter werden als wir Menschen. Enger sieht das pragmatisch. Er geht davon aus, dass KI wahrscheinlich heute schon viel weiter ist als die menschliche Intelligenz und wir diesen Wettbewerb nur verlieren können. Sein lockerer Tipp als Speaker lautet daher: „Machen Sie sich nicht so viel Sorgen um die Künstliche Intelligenz. Ich würde mir viel mehr Sorgen machen um die biologische Intelligenz.“

Die entscheidende Frage

Laut Enger sei es das Beste, zu akzeptieren, dass sich KI viel schneller und dynamischer entwickelt und sie zudem deutlich rationalere und rein sachbezogene Entscheidungen treffen kann als wir. Die entscheidende Frage laute deshalb: Was macht uns Menschen dann noch aus? Und damit zusammenhängend: Wie definieren wir uns? Was sind wir eigentlich?

Um diese Fragen beantworten zu können, lädt Enger zu einem Gedankenexperiment ein: Was wäre, wenn die Roboter, Maschinen und smarten Geräte, die permanent intelligenter und produktiver werden, plötzlich anfangen würden, Fragen zu stellen? Was wäre, wenn sie uns Menschen und unser Treiben beobachten würden? Und was, wenn sie dann darüber nachdenken würden, wozu es eigentlich den Menschen braucht? Was würden wir ihnen darauf antworten?

Es lohnt sich, diese andere Perspektive einmal einzunehmen und dann wirklich in sich zu gehen, um herauszufinden, was es ist, das uns als Menschen auszeichnet und abhebt. Denn, davon ist Enger überzeugt, wir alle wollen etwas Sinnhaftes tun, uns gebraucht fühlen und das Gefühl haben, einen produktiven Beitrag in der Gesellschaft leisten zu können. Dass die Frage nach der Sinnhaftigkeit und dem Zweck der Existenz immer drängender werde, sehe man beispielsweise auch daran, dass psychische Krankheiten in der Weltgesellschaft exponentiell zunähmen.

Unser USP

Zwar könnte und sollte jeder die Frage, was den Menschen ausmacht, für sich selbst beantworten. Die meisten jedoch hätten darauf bislang nur unzulängliche Antworten. Für Enger selbst sind die herausragenden Merkmale der Spezies Mensch neben der Kreativität vor allem, „dass wir Gefühle haben, dass wir eine Intuition haben, dass wir ein Herz haben“.

Über diese Aspekte werde allerdings in den seltensten Fällen gesprochen. Insbesondere Menschen, die sehr stark im Kontext von Wirtschaft oder Politik unterwegs seien, hätten einen oftmals sehr einseitigen Blick, der diese weichen Faktoren komplett ausklammere. Erwähne man sie dennoch, werde man sehr schnell in die „spirituell-esoterische Ecke“ gestellt. Enger selbst macht das durchaus Sorgen, denn: „Ich glaube tatsächlich daran, dass die Spezies Mensch mit ihren Gefühlen, mit ihrer Veranlagung, mit ihrer Fähigkeit, Dinge zu entwickeln, Dinge gemeinsam zu gestalten, mehr kann, als einfach nur fokussiert in eine Richtung zu rennen.“

Für Enger steht fest: Die Digitalisierung ist vor allem auch eine gesellschaftliche Herausforderung. Und die Frage danach, wie wir uns die Gesellschaft und das Zusammenleben im Rahmen der Digitalisierung eigentlich vorstellen, müsse unbedingt beantwortet werden. Allerdings nicht von einzelnen Menschen oder Interessengruppen, sondern interdisziplinär. Und zwar indem sich Menschen aus den unterschiedlichsten Richtungen, aus der Politik, der Wirtschaft, der Kirche, des Sports und der Kunst zusammensetzen, um gemeinsam gangbare Wege zu finden.

Links aus dem Interview

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